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20*C+M+B+18

„Ich dachte immer, Kinderarbeit sei verboten!“ „Ja, liebe Frau, sie ist auch verboten – aber was ist nicht alles verboten und trotzdem wird’s getan!“ 180 von 200 Staaten haben die Konvention 182 der ILO (Internationale Arbeitsorganisation) gegen ausbeuterische Kinderarbeit unterschrieben, Indien im Juni 2017. Als die Sternsinger mit goldenen Kronen und Sammelbüchse in den letzten Tagen von Haus zu Haus gingen, um für Projekte gegen Kinderarbeit in Indien zu werben, könnten sich manche Gespräche zwischen ihnen und den Gastgebern so oder ähnlich abgespielt haben. Kinderarbeit in Indien (diesjähriges Beispielland) oder anderswo – wer wäre nicht dagegen? Ein Thema, das auch die Weltläden seit Jahrzehnten umtreibt.

Acht- bis Vierzehnjährige, die in Steinbrüchen schuften und eine Lebenserwartung von ca. 38 Jahren haben (Benjamin Pütter berichtete in Flein darüber). Gleichaltrige, ebenfalls in Indien, die in Schuldknechtschaft die feinsten Knoten knüpfen, zehn Stunden am Tag, und deren Schicksal „Rückgradverkrümmung und Staublunge“ heißt. Kinder, die auf Orangenplantagen in Brasilien oder Kakaoplantagen in Westafrika Schwerstarbeit verrichten. Perlen und Glitzerkram, die in Hinterhöfen auf hierzulande spottbillige Tops genäht werden. Spielzeug, Zündhölzer, Feuerwerkskörper, Fußbälle …, die schon bei der Herstellung durch Kinderhände gehen – die Liste ließe sich verlängern, von Kindersoldaten und Kinderprostitution ganz zu schweigen.

Das Kindermissionswerk, Träger der Sternsinger Aktion, macht vernünftigerweise einen Unterschied zwischen Kinderarbeit und ausbeuterischer Kinderarbeit: Akzeptable Kinderarbeit wird „Mitarbeit“ genannt und erlaubt auch den Schulbesuch (es wird nur wenige Stunden gearbeitet), die Kinder dürfen den Lohn behalten, die Tätigkeit ist ohne Zwang und muss einfach, also nicht belastend sein. Anmerkung des Weltladens: Neben Schule und Arbeit sollte auch noch Zeit zum Spielen bleiben. Wie kann man ausbeuterische Kinderarbeit abschaffen oder – anders gefragt – was geschieht mit dem von den Sternsingern gesammelten Geld? Die Sternsinger Aktion (mit Sitz in Aachen) arbeitet nicht selbst in den betroffenen Ländern, sondern mit Partnern zusammen. Diese „bieten arbeitenden Kindern schützende Räume, in denen sie lernen und sich erholen können. Sie sorgen für Unterricht und Ausbildung und helfen dabei, die Lebensumstände armer Familien zu verbessern, damit die Kinder nicht zum Einkommen beitragen müssen. Und sie befreien Kinder aus schlimmsten Formen der Sklaverei. Zugleich sorgen sie auf vielfältige Weise dafür, arbeitende Kinder selbst zu stärken.“

Ein heraus ragendes Beispiel für einen solchen Projektpartner, die Vikas-Stiftung (gegr. 1994), soll hier kurz vorgestellt werden. Der Gründer der Stiftung, Dilip Servathi, ein etwas wild aussehender Mann mit freundlichem Lächeln, hat noch viel vor: „Ich mache weiter, bis kein Kind mehr arbeiten muss!“ Da in Indien etwa 60 Millionen Kinder arbeiten, hat Servathi noch viel vor – er ist jetzt 46! Selbst von Kinderarbeit betroffen und ohne richtige Kindheit aufgewachsen, fing er als 21-jähriger an, Eltern zu überzeugen, Kinder zu befreien, in Hungerstreik und ins Gefängnis zu gehen, zwei Schulen zu gründen und selbst zu unterrichten. Heute arbeitet seine Stiftung in 100 Dörfern und in Armenvierteln der „Glasstadt“ Firozabad, wo sogar 5-jährige arbeiten. Mit Hilfe der Sternsinger sollen hier im Viertel bald eine kleine Schule und eine Frauenselbsthilfegruppe entstehen – wie bereits in 100 Dörfern zuvor. Servaths Stiftung unterhält auch eine eigene Bank, bei der Familien zinslose Darlehn aufnehmen können. Servathi hat es mit seiner Stiftung geschafft, dass 10.000 Kinder nicht mehr den ganzen Tag arbeiten müssen und in die Schule gehen können. Und so waren die Sternsinger alias Hl. Dreikönige in einer wirklich guten Sache unterwegs und können es leicht verschmerzen, dass C+M+B heute nicht mehr Caspar, Melchior und Balthasar heißt (sie selbst heißen sowieso anders), sondern – alte Formel, neuer Sinn – einen Segenswunsch für das Haus oder die Wohnung der Spender darstellt.

Übrigens: Im Weltladen können Sie sicher sein, dass alles, was Sie kaufen, ohne Kinderarbeit hergestellt wurde. Und wenn Sie eines Tages vielleicht handgefertigte Glückwunschkarten z.B. aus Kolumbien bei uns sehen, dann können diese aus selbst gewählter, ja erkämpfter, freiwilliger „Kinderarbeit“ stammen, ganz mit unserer Zustimmung.

H. E.